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Warten & Wachsen

Robert Stearns in der Zeitschrift „impulse“ 04.03
(Campus für Christus)

Robert Stearns Day of Prayer

„Ich glaube, dass Einheit für die Reife der Gemeinde Gottes äußerst wichtig ist“, sagte Robert Stearns, international gefragter Redner, Autor, erfahrener Musiker und Lobpreisleiter. Er und sein Team setzen sich für Einheit unter Christen und Erweckung ein.
Stearns ist Leiter von „Eagles Wings“ und hat ein Gebetshaus in New York gegründet. Im Mai 2002 war er verantwortlich für den „Call“ in New York, einem Treffen von ca. 70.000 Menschen, die sich zu einem Tag des Betens und Fastens im Flushing Meadows Park versammelten. Er ist davon überzeugt, dass die Gemeinde Jesu in den letzten Tagen mit einer außergewöhnlichen Kraft durch den Heiligen Geist ausgerüstet wird. Diese Salbung schließe eine starke, gesunde biblische Gemeinschaft, prophetische Zeichen und Wunder, sowie den Dienst an den Armen mit ein. Impulse sprach mit Robert Stearns über geistliches Wachstum.

Impulse: Was fällt Ihnen zuerst ein, wenn Sie an geistliches Wachstum denken?

Robert Stearns: Vor einigen Jahren wurde mir Psalm 84 besonders real. Dort heißt es: „Glücklich sind alle, die ihre Stärke in dir suchen, die gerne und voll Freude zu deinem Tempel ziehen. Wenn sie durch ein dürres Tal gehen, brechen dort Quellen hervor, und ein erfrischen der Regen bewässert das Land. So wandern sie stets mit neuer Kraft, bis sie vor Gott auf dem Berg Zion stehen.“ (Psalm 84,6- 7) Wenn wir also über geistliches Wachstum reden, sprechen wir auch über Berufung – weil die beiden zusammen gehören, zum Teil sind sie sogar identisch. Für mich ist es wichtig, dass wir zunächst unsere Beziehung zu Gott definieren. Teilweise sind wir als Christen, auch als Evangelikale, so darauf konzentriert, dass wir gerettet werden, ein Gebet sprechen und danach in eine Gemeinde gehen. Gott ist ewig und Leben in Gott ist ein nie endendes Entdecken seiner Person, seiner Weisheit, senier Liebe und seiner Verheißungen. Es ist der Anfang einer Weltsicht, dass wir verstehen, dass Gottes Ruf für mein Leben, also mein geistliches Wachstum eine sich ständig weiter entfaltende Reise ist. Wir müssen anfangen, Menschen darin zu schulen, wie sie in Gott und im Leben wachsen.

Wie kann man Menschen trainieren, damit sie wachsen?

Wenn wir Stillstand haben, dann deshalb, weil wir keine Offenbarung von Gott haben. Es ist unmöglich, Gott zu sehen und der Gleiche zu bleiben. Wenn wir Gott wirklich mit den Augen des Herzens sehen, bekommen wir eine Ahnung von seiner Weisheit, seiner Macht, seiner Majestät, seiner Schönheit, seiner Liebe. Anbetung Gottes ist nicht etwas, wofür wir uns entscheiden, und das wir tun müssen. Wachstum in Gott sollte eine automatische Reaktion sein auf die Kraft seiner Gegenwart. Das Problem ist, dass wir in unseren Gottesdiensten die Betonung darauf legen, etwas über Gott zu hören, anstatt dass der vereinte Leib Christi wirklich Gott begegnet und ihn erlebt.

Die meisten Christen wachsen so auf. Gibt es geistliche Übungen, wie ich mich für die Gegenwart Gottes öffnen kann?

In Psalm 27,4 ff. sagt König David: „Um eines habe ich den Herrn gebeten; das ist alles, was ich will.“ Er hatte nur eine einzige Sache im Blick, und diese erklärt er auf drei verschiedene Weisen. „Solange ich lebe, möchte ich im Hause des Herrn bleiben. Dort will ich erfahren, wie gut der Herr es mit mir meint, still nachdenken im heiligen Zelt“. Bleiben, erfahren, still nachdenken. Bleiben bedeutet nicht, in einem Kirchengebäude anwesend zu sein. Es bedeutet, dass wir schon beim Aufwachen sagen: Heute gehöre ich Gott. Heute hat Gott eine Absicht für mich und mein Leben. Heute arbeitet der Heilige Geist in mir und um mich herum. Ich möchte erfahren, wie gut der Herr es mit mir meint bzw. die Freundlichkeit des Herrn schauen. Es bedeutet, sich persönlich Zeit zu nehmen über Gott zu meditieren. Nicht nur ein Bibelwort lesen, sondern es in uns aufnehmen, wie man Essen in sich aufnimmt. Wir sind so schwach und leben in einer Gesellschaft, die von Zerstreuung, Internet, Telefon, Werbung, Handys und Fernsehen gekennzeichnet ist. Alles will uns ablenken und unsere Aufmerksamkeit gewinnen. Wir müssen uns hinsetzen und darüber nachdenken, wie gut der Herr es mit uns meint. Und dieses Nachdenken wird bei uns zu mehr Hunger führen, in seiner Nähe zu sein. Still nachdenken im heiligen Zelt ist der beständige Wunsch nach einem Mehr von Gott. Es ist das Realisieren der Tatsache, dass wir mehr von Gott haben können, egal auf welcher Stufe des geistlichen Wachstums wir uns befinden. Wir können die ganze Ewigkeit da- mit verbringen, mehr über Gott zu erfahren. Dies sind einige praktische Schritte für einen Christen in jedem beliebigen Stadium seines geistlichen Wachstums. Es sind Richtlinien, die vom ersten Tag an genauso gültig sind bis zum Ende des Lebens. Ich möchte jeden Tag in Gottes Gegenwart weilen, möchte jeden Tag im Bewusstsein der Gegenwart Gottes leben und über seine Schönheit nachsinnen – ohne Ablenkungen. 

Was kostet es, geistlich zu wachsen?

Es kostet alles. Ich glaube, es gibt gar keinen nicht-radikalen Christen. Ein Jünger Jesu zu sein, bedeutet, gegen den Zeitgeist und den Geist toter Religiosität zu leben. Jesus griff Menschen mit toter Rechtgläubigkeit genauso an wie den Feind. Gibt es also einen Preis? Ja, aber die Belohnungen sind so überwältigend groß, dass der Preis dagegen nicht ins Gewicht fällt.

Wann ist man genug gewachsen?

Nie. In der Bibel steht, dass die Engel rufen: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr.“ Tag und Nacht. Die Engel rufen das nicht, weil sie wie ein Kassettenrekorder mit einem Endlosprogramm sind. Sie rufen es deshalb, weil sie einen Teil von Gott entdeckt haben, den sie vorher noch nie gesehen haben. Und das, obwohl sie ihn schon die ganze Ewigkeit betrachtet haben und betrachten werden. Sie preisen Gott auf Grund seiner Offenbarung. Gott ist ewig. Dieser Gedanke ist un-glaublich, einfach Ehrfurcht gebietend.

Gab es bei Ihnen auch Zeiten der Stagnation, oder hatten Sie zumindest das Gefühl, still zu stehen?

Immer. Die meisten Abschnitte meines Lebens könnte ich als Zeiten der Stagnation bezeichnen. Aber genau das sind die Zeiten, wo mein Streben ganz eindringlich wird. Hatte Mose in der Wüste nicht auch 40 Jahre lang eine Zeit des Stillstandes, hatte Joseph nicht solche, und so weiter? Fast alle erlebten Zeiten der Stagnation, Zeiten, in denen Gott schwieg, wo er sein Angesicht zu verstecken schien, und wo es eine Diskrepanz gab zwischen der Verheißung Gottes und ihrer Erfüllung. Dies macht uns traurig, und genau das schafft Jüngerschaft in uns und führt zu geistlichem Wachstum: Unsere Treue und unser Gehorsam in Zeiten, in denen Gott anscheinend schweigt. Eines meiner Lieder heißt „Earnestly waiting“ („Ernsthaft warten“). Es ist ein aktives, aggressives Warten. Eigentlich ein Widerspruch. Es ist ein Warten mit voll zielgerichteter Erwartung. Ich glaube, eines der größten Probleme unserer westlichen Christenheit ist, dass wir nicht wissen, wie wir auf Gott warten können. Wenn wir in unseren Gottesdiensten ein- mal 15 Sekunden Stille hätten, dann wüssten wir schon nicht, was wir damit anfangen sollen. Wir wurden nicht darin geschult, unser Herz zur Ruhe zu bringen. Und es ist äußerst wichtig, zu verstehen, dass dies ein Symptom des heutigen Zeitgeistes ist – sofortige Befriedigung, wir wollen ein McDonalds-Christsein, einen McDonalds-Gott, mit niedrigem Preis, schnellem Service und sehr geringem Nährwert. Wir müssen unser Herz dazu erziehen, auf Gott zu warten, aber dies ist kein lethargisches Warten, es ist Warten mit Ausrichtung. Am Anfang habe ich erwähnt, dass geistliches Wachstum eng mit Berufung verbunden ist. Dies ist ein anderer Bereich, in dem die Kirche eine Veränderung ihres Denkens braucht. Die meisten Gemeindeglieder glauben, dass es ein paar wenige Auserwählte gibt, die zum Dienst berufen sind. Tatsächlich ist jeder Gläubige vollzeitlich dazu berufen, ein Jünger Jesu zu sein und ihm zu dienen. Wenn Sie Lehrer oder Ärztin, Putzfrau oder Klempner sind, dann sind Sie ein vollzeitlicher Christ und Jünger Jesu. Und ich betrachte das, was ich tue, nicht als berufener oder gesalbter als das, was ein Geschäftsmann tut, der seiner Berufung gemäß lebt.

Impulse: Danke für das Gespräch.

Das Interview führte Lucia Ewald